Rezension

«Ich will Rocky spielen» – Stallone packt in «The Steps» aus

Sylvester Stallone schreibt in seinen Memoiren auch über Traumata.

Er war als Schauspieler und Drehbuchautor völlig unbekannt und zudem komplett pleite, als er sich 1974 von New York nach Hollywood aufmachte. Dort habe er umgehend mit Klinkenputzen angefangen und von einem Casting-Direktor sofort eine Abfuhr bekommen. «Sie nuscheln, Sie haben nicht das richtige Erscheinungsbild, ihr Mund ist schief – ernsthaft, vergeuden Sie nicht ihre Zeit», schildert Sylvester Stallone in seiner jetzt auch in Deutschland veröffentlichten Autobiografie «The Steps: Die Geschichte meines Lebens» (Verlag C. Bertelsmann). 

Stallone (80), der mit Blockbusterreihen wie «Rocky» und «Rambo» zum Hollywood-Star aufstieg, packt in dem Buch überraschend offen über Traumata, Ängste und Selbstzweifel aus. Dem Image des starken Action-Helden stehen herzzerreißende Schilderungen einer schwierigen Kindheit und häufiger Geringschätzungen gegenüber. Stallone rechnet auch mit seinen inzwischen verstorbenen Eltern ab: sein Vater, der mit Härte und Schlägen erzog, und seine Mutter, die keinen Hehl daraus machte, dass sie das Kind nicht wollte – und die Familie verließ, als er 11 Jahre alt war. 

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Stufen zum Erfolg

Der Buchtitel «The Steps» bezieht sich auf die berühmten Stufen des Philadelphia Art Museums, die er als Rocky Balboa zum Training erklimmt. In Stufen statt Kapiteln schaut Stallone auf seinen Werdegang zurück. Das Buch endet vor knapp 50 Jahren mit dem Oscar-Triumph der legendären Underdog-Geschichte «Rocky». 1977 holte das zehnfach nominierte Box-Drama die Spitzentrophäe als bester Film sowie Oscars für Regie und Schnitt. Stallone selbst, der für das Originaldrehbuch und als Hauptdarsteller nominiert war, ging leer aus, doch der weltweite Kassenschlager machte ihn auf einen Schlag bekannt.

«Wie ein Irrer» habe er die Story des kaputten Boxers, der sich wieder nach oben kämpft, in wenigen Tagen zu Papier gebracht, schildert Stallone. Auch konnte er damals die Produzenten bei United Artists zum Kauf des Skripts überzeugen. Doch dann seine Forderung: «Ich möchte den Rocky spielen». Keiner wollte den Neuling mit einer leichten Gesichtslähmung und Sprachstörung als Darsteller. Er bleibt eisern und bekommt am Ende die Rolle. Wie Rocky hätte er um seine Würde und seinen Stolz geboxt, beschreibt Stallone das Tauziehen in Hollywood. 

Hürden und Beharrlichkeit

Für Cineasten ist «The Steps» eine spannende Lektüre über Hürden und Beharrlichkeit auf dem Weg nach Hollywood. Doch Stallones Erinnerungen gehen weit über eine klassische Erfolgsstory hinaus. Es ist seine schonungslose Lebensgeschichte, Widrigkeiten mit Willenskraft und dem Glauben an sich selbst zu überkommen. 

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Seinen zähen Kampfgeist führt Stallone auf eine harte Kindheit und Jugend zurück. Es beginnt bei der Geburt am 6. Juli 1946, in einer New Yorker Sozialklinik für arme Familien – eine Zangengeburt, von der er einen «schiefen Mund» und dauerhafte Sprechschäden davongetragen habe. 

Traumatische Erlebnisse

Die Eltern steckten ihn zeitweise in ein Internat für schwierige Jugendliche. Stallone beschreibt ein traumatisches Erlebnis, als er zur Strafe in eine als «Schlangengrube» gefürchtete, geschlossene Abteilung gesperrt und dort von Insassen körperlich angegriffen wird. Man habe aber seinen Willen nicht brechen können, betont er. Diese Erfahrungen hätten ihn nur stärker gemacht.

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Ständig habe er sich um die Anerkennung seiner Eltern bemüht, räumt Stallone ein. Doch seine Mutter habe 1977 sogar seine Einladung, ihn zu der Oscar-Gala zu begleiten, ausgeschlagen. Sein Vater wiederum habe ihn dazu gedrängt, ihm eine kleine Rolle in «Rocky» zu geben. Das sei ein «Fehlgriff» gewesen und habe zum Streit geführt, doch er habe sich eben zeitlebens gewünscht, seinen Vater stolz zu machen. Zwischen den Zeilen ist herauszulesen, wie die fehlende Liebe seiner Eltern und der ständige Kampf um Anerkennung ihn zermürben. 

Im Löwengehege und Platzanweiser

Stallone blickt aber auch mit Humor auf seine Anfangsjahre als erfolgloser und ständig abgebrannter Schauspieler in New York zurück. Bei Agenten habe er sich mit billigen Passfotos aus einem Automaten vorgestellt, auf denen er mit großer Nase wie ein «italienischer Ameisenbär» ausgesehen habe. Er schreibt über Jobs als Reiniger des Löwengeheges in einem Zoo oder als Platzanweiser in einem Kino. Er habe von Hüttenkäse und Eiern gelebt und in winzigen Räumen gehaust. 

Mit kleinen Auftritten schlug er sich in den frühen 1970er-Jahren durch. Eine Rolle in dem Erotikfilm «The Party at Kitty and Stud’s», ein winziger Part als Schläger in Woody Allens «Bananas», dann die erste Sprechrolle in «Brooklyn Blues – Das Gesetz der Gosse». Von der schleppenden Karriere als Schauspieler gefrustet, stürzt sich Stallone ins Drehbuchschreiben. 

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Panikattacken und Essstörungen

Mit der Veröffentlichung seiner Memoiren zieht Stallone auch in Interviews Bilanz über sein Leben. In Gespräch mit der «New York Times» berichtete der Schauspieler kürzlich von Panikattacken. Die Erste habe er im Alter von 36 Jahren erlebt. Mit Blick auf Teile seiner Karriere sagte er: «Ich habe meinen Körper missbraucht.» Er habe neun Rücken- und zwei Schulteroperationen sowie mehrere Eingriffe an der Halswirbelsäule gehabt. Heute sei er zwar noch einigermaßen in Form, aber er nehme eine Menge Tabletten, um dranzubleiben, so Stallone. 

In jüngeren Jahren habe er auch an Bulimie gelitten. Beim Dreh zu «Rocky III» sei sein Körperfettanteil auf 2,6 Prozent gesunken und er habe nichts bei sich behalten können. Stallone, der damals in seinen Dreißigern war, nannte es eine «zwanghafte Körperanbetung». Niemand könne das ohne Hilfsmittel und Drogen – man müsse Steroide nehmen. 

Seiner Familie gewidmet

Stallone, der mit 80 Jahren weiter für die Mafia-Serie «Tulsa King» vor der Kamera steht, widmet «The Steps» seiner Ehefrau Jennifer Flavin und den drei gemeinsamen Töchtern Sophia, Sistine und Scarlet. Im Nachwort des Buches sinniert der Star, dass er und auch viele andere sich mit der Geschichte von Rocky Balboa eng verbunden fühlen: «Es geht schlicht darum, nicht aufzugeben, wenn es schwierig wird».