London (dpa) –
Neugierig lassen Jane Marple, Diana Glass und Dolly Bantry ihre Blicke über die Gäste im Großen Saal des Grand Alpine Hotel schweifen. Doch jäh zieht das Panorama vor den Fenstern ihre Aufmerksamkeit auf sich: Die Abendsonne taucht die mächtigen, verschneiten Schweizer Berge in ein spektakuläres Alpenglühen. Fast schon bedrohlich wirke die gewaltige Kulisse, merkt Dolly an. Jane vermutet die größere Gefahr jedoch bereits anderswo: «Meiner Erfahrung nach ist das Verhalten der Menschen im Allgemeinen um einiges unheilvoller, als es ein Naturphänomen jemals sein könnte.»
Es ist eine der vielen typischen Aussagen der Hobbyermittlerin Miss Marple, mit denen die britische Bestsellerautorin Lucy Foley die ikonische Figur der berühmten Krimi-Autorin Agatha Christie (1890 – 1976) wieder zum Leben erweckt. «Mord im Grand Alpine Hotel» heißt der neue Fall für die gewiefte Seniorin, das Buch erscheint am 30. September im Penguin-Verlag.
50 Jahre sind seit dem letzten Marple-Roman – «Sleeping Murder» – vergangen. Darin musste die alte Dame ihr ermittlerisches Können noch an der englischen Küste zum Einsatz bringen. Nun, Jahrzehnte später, schickt Foley die stets mit Stricknadeln und Wollknäuel ausgestattete Marple in die Schweizer Alpen – und schafft auch eine Erzählung über rückständige Rollenbilder.
Menschliche Abgründe im Winterwunderland
Dabei beginnt in «Mord im Grand Alpine Hotel» alles ganz idyllisch. Marple macht sich gemeinsam mit ihrer Freundin Dolly Bantry und deren Gesellschafterin Diana Glass auf den Weg in die verschneiten Alpen. Dort wartet das pompöse und luxuriöse Grand Alpine Hotel auf sie. Allerlei Prominenz ist dort zu Gast – sei es der als nächster britischer Premier gehandelte Parlamentarier, ein Prinz aus Jugoslawien oder eine Hollywoodschauspielerin.
Doch was als erholsamer Urlaub im Winterwunderland gedacht war, entwickelt sich rasch zu einem Schauplatz zahlreicher menschlicher Abgründe. Als ein Seilbahnwärter eines eisigen Morgens eine männliche Leiche in einer Gondel entdeckt, gerät alles aus dem Ruder. Denn unter den Gästen weilt ein Mörder – und nicht nur Miss Marples erholsame Auszeit findet ein jähes Ende.
Mit «Mord im Grand Alpine Hotel» erwartet Leserinnen und Leser ein Kriminalroman wie aus dem Lehrbuch: Es geht um Intrigen, Macht, Liebe, Raub und eine dunkle politische Vergangenheit. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von gleich vier Figuren: der smarten Gesellschafterin Diana Glass, der erfolgreichen, aber strauchelnden Schauspielerin Sylvia Sinclair, der stets um Fassung bemühten Politiker-Ehefrau Catherine Narracott und des verlotterten und verarmten Ex-Soldaten Bruno Crane.
Wie viel Christie steckt in Foley?
Die 40-jährige Foley ist die erste Autorin, die einen vollständigen neuen Miss-Marple-Roman schuf, und das sogar auf Wunsch von Agatha Christies Erben. «Neben dem Gefühl von Ehre und Furcht angesichts der Einladung, Christes geliebte Figur zu verkörpern, hatte ich auch ein seltsames Gefühl der Heimkehr», beschrieb Foley zuletzt in einem Gastbeitrag für den «Guardian» ihre Erfahrungen. «Ihre Bücher waren die ersten Erwachsenenromane, die ich mit etwa 12 oder 13 Jahren gelesen habe.»
Ein Roman, in dem Foley Christie einfach nur imitiert, erwartet einen mit «Mord im Grand Alpine Hotel» allerdings nicht. Viel mehr wirkt die Erzählung wie eine Hommage, die Foley mit ihrem eigenen Stil untermalt. So scheut sie nicht davor zurück, ausgiebigen Landschaftsbeschreibungen viel Platz einzuräumen – ein Stilmittel, das bei Christie selten so ausführlich geschah. Auch vor für Christie untypischen actionreichen Thriller-Elementen macht Foley nicht Halt.
Wiederum ganz im Stil Christies streut Foley jedoch Hinweise, legt den Lesern falsche Fährten und lässt Verdächtige immer wieder in neuem Licht erscheinen.
Die Unsichtbarkeit der Frauen als Waffe
Die dringlichste Frage für alle Christie-Fans dürfte jedoch sein: Bleibt Miss Marple ganz die Alte? Foley bleibt dem besonnenen, aber neugierigen Charakter der smarten Seniorin ohne Frage treu. Und auch bei ihr profitiert Marple von der Tatsache, dass sie als ältere, unverheiratete Frau in der damals konservativen Gesellschaft übersehen und unterschätzt wird. Mit der mutigen Diana stellt Foley ihr zudem eine jüngere, waghalsigere Version ihrer selbst zur Seite: Auch sie beobachtet gerne, und handelt dort, wo Marple lieber abwartet und kombiniert.
Hinter Strickzeug, Zurückhaltung und scheinbar harmlosem Dorfklatsch vermutet nun mal keiner eine messerscharfe Beobachterin – Miss Marple ist schlicht oft unsichtbar. Foley greift diesen Mechanismus nicht nur auf, sondern überträgt ihn kurzerhand auf nahezu alle weiblichen Charaktere.
Frauen werden in ihrem Roman bewusst übersehen, unterschätzt oder auf stereotype Rollen reduziert – egal ob Ehefrau, Filmstar, alte Jungfer oder Nonne. «So gut wie alles, was ich je erreicht oder mir genommen habe, ist durch Männer geschehen, anders ging es nicht», meint selbst die toughe Schauspielerin Sylvia.
Doch mit der Darstellung des Sexismus porträtiert Foley nicht einfach nur die damaligen gesellschaftlichen Zustände – sie nutzt ihn vielmehr als Erzählstrategie. Denn wer Frauen unterschätzt, übersieht oder auf Stereotype reduziert, erkennt kaum, wozu sie fähig sein können.
