Kino

Warum «You Can See Everything» dermaßen fasziniert

Während des Betrugsverfahrens waren stets Kameras auf Holmes gerichtet. (Archivbild von 2023)

Ausverkaufte Vorstellungen und Spekulationen, diese Doku könnte bei den Oscars 2027 zum besten Film gekürt werden: Der fast dreistündige Film «You Can See Everything» sorgt gerade für Furore. 

In den USA legte das Werk (deutscher Kinostart 3. Dezember) den besten Start einer Dokumentation – abgesehen von Konzertfilmen – seit Michael Moores «Fahrenheit 9/11» vor mehr als 20 Jahren hin. 

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In Befragungen sagten 80 Prozent der Zuschauer, sie hätten den Film «sogar besser als erwartet» gefunden, schrieb das Branchenblatt «Variety». Und das bei einem langen Film, der hauptsächlich daraus besteht, dass Leute miteinander reden. Was ist da los?

Kameras im Wohnzimmer

Die Geschichte von «You Can See Everything» begann vor drei Jahren. Die als Betrügerin verurteilte Start-up-Gründerin Elizabeth Holmes bereitete sich darauf vor, ihre elfjährige Gefängnisstrafe anzutreten. 

Die meisten Leute würden den letzten Monat davor vermutlich in Ruhe mit der Familie verbringen wollen. Doch Holmes, Mutter von zwei kleinen Kindern, und ihr Partner Billy Evans beschlossen, die Zeit von Kameras dokumentieren zu lassen.

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So kam Nathan Fielder ins Spiel, der bereits in den TV-Serien «Nathan For You» und «The Rehearsal» erforscht hatte, wie sich Menschen in verschiedenen Situationen verhalten.

Erst eine und dann zwei weitere Kameras zogen also in ein gemietetes Haus am Strand in San Diego ein, in dem Holmes und ihre Familie die letzten Wochen vor dem Haftantritt verbrachten. 

Ursprünglich habe er nicht vorgehabt, selbst vor die Kamera zu treten, sagte Fielder jüngst dem Magazin «Wired». Doch Holmes und Evans hätten ihn immer wieder angesprochen, so dass er ins Geschehen hineingerutscht sei.

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Gefallener Medienstar

Elizabeth Holmes war 19 Jahre alt, als sie ihr Start-up gründete. Die Vision: Maschinen, die mit wenigen Tropfen Blut komplexe Diagnose-Tests durchführen können. Holmes brach dafür das Studium an der Elite-Uni Stanford ab, ihre Firma Theranos sammelte hunderte Millionen Dollar von Investoren ein und versprach, das Gesundheitswesen zu revolutionieren. 

Die Gründerin wurde zum Medienstar – und war zumindest auf dem Papier über vier Milliarden Dollar schwer. Dann stellte sich heraus: Die Technologie funktionierte nicht so recht. Holmes kam vor Gericht und wurde wegen Betrugs an Investoren zu gut elf Jahren Haft verurteilt.

Warum ich?

Die Vorgeschichte war Grund genug für Fielder, misstrauisch zu sein. «Warum ich?», will er ziemlich am Anfang des Films wissen. Doch nicht etwa, weil er wenig Ahnung von der Materie hinter Holmes‘ Verurteilung habe und sie deshalb denke, dass er sich leichter manipulieren lasse? Aber nein, versichert sie mit weit aufgerissenen Augen und endlosem Blickkontakt. 

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Fielders trockene und skeptische Nachfragen sind so etwas wie das tragende Gerüst des Films. Genauso wie er können sich die Zuschauer fragen: Was erleben wir hier gerade eigentlich? Sieht man eine gerissene Betrügerin bei der Arbeit? Oder glaubt Holmes es selbst, wenn sie sagt, sie habe nichts falsch gemacht und nie jemanden belogen? Und wie ist ihr Verhältnis zu Evans, dem Hotelier, den sie erst nach der Implosion von Theranos kennengelernt hat: Manipuliert sie ihn oder er sie oder sie sich beide gegenseitig?

Beobachten und Rätseln

Genau das dürfte es sein, was Menschen an dem Film fasziniert. Es gibt kein Drehbuch. Es sind keine Schauspieler am Werk (also größtenteils nicht – aber mehr dazu wäre ein Spoiler). Die Kameras fangen buchstäblich alles ein: Gesten, Gesichtsausdruck, Körpersprache. Man beobachtet und rätselt – und jeder sieht wohl etwas anderes.

Fielder erinnerte sich, dass selbst die Mitglieder der kleinen Filmcrew zum Teil völlig unterschiedliche Interpretationen hatten, wenn sie am Abend nach dem Dreh die Ereignisse des Tages durchgingen.

«You Can See Everything» sammelte in den USA nach zwei Wochenenden mehr als 50 Millionen Dollar ein. Der Film wird damit ein klarer Gewinnbringer für das Studio A24 sein: Das Budget lag «Variety» bei nur sieben Millionen Dollar. 

Schon ist davon die Rede, dass der Streifen als erste Doku überhaupt nicht in der Kategorie «Best Documentary Feature Film» nominiert werden könnte, sondern in der wichtigsten Kategorie «Best Picture» (bester Film). 

Gefallener Star

In den USA war Holmes in den letzten Jahren nie so recht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Denn nachdem sie einst als Wiedergeburt des legendären Apple-Gründers Steve Jobs gefeiert wurde, faszinierte der tiefe Fall der jungen blonden Gründerin mit tiefer Stimme das True-Crime-versessene Amerika umso mehr. 

Der Reporter John Carreyrou, dessen Artikel im «Wall Street Journal» das Theranos-Kartenhaus zusammenbrechen ließen, schrieb ein Buch. Es gab einen Podcast, eine Doku und eine TV-Serie, in der Amanda Seyfried Holmes spielte und für die Rolle einen Golden Globe gewann. Rund um den viermonatigen Prozess und den Haftantritt waren ständig Kameras auf sie gerichtet.

Doch auch in Deutschland, wo Holmes nie so bekannt war wie in den USA, ist das Interesse an der Doku schon vor Kinostart außergewöhnlich. «Dass ein dreistündiger Dokumentarfilm einen Ansturm wie bei einem Konzertvorverkauf auslöst, haben wir so noch nie erlebt», heißt es etwa bei der Yorck-Kinogruppe. 

Die Previews Mitte November seien in weniger als einer halben Stunde ausverkauft gewesen. Insbesondere seien die letzten Sitze umkämpft gewesen: «Wenn 500 Menschen gleichzeitig dieselben zehn Plätze buchen wollen, gehen leider viele leer aus.»